Blutgruppe A

 

Auf der Intensivstation wurde es gerade dunkel. Der Oberarzt und sein Assistent standen neben dem Bett, in dem dieser alte Mann lag, den sie vor zwei Tagen in ein künstliches Koma versetzt hatten. Aus seinem rechten Arm, dem Hals und aus seiner Brust führten Schläuche zu drei elektronisch gesteuerten Spritzenpumpen.

Der Körper des Mannes war ganz seltsam dunkelgelb, als hätte er ein Problem mit der Leber.

"Ich weiß nicht, ob der Patient die Nacht überlebt“, sagte der junge Arzt. „Der macht es nicht mehr lange."

"Diesen Eindruck habe ich nicht“, sagte der Oberarzt und er ärgerte sich, dass ihm dieser Junge schon wieder ins Wort gefallen war.

Am Kopfende des Bettes zeigten drei Monitore die Vitalparameter des Mannes.

„Wir haben ein sehr komplexes Krankheitsbild mit multiplem Organversagen“, sagte der Junge und beobachtete die drei Bildschirme. „Damit liegen wir sehr nahe an der Grenze, meine ich.“

„Wart‘s ab“, sagte der alte Arzt. Er hatte für diese jungen Mediziner nicht viel übrig, die wie Techniker ihren Maschinenpark bedienten. „Ich glaube, der Mann ist noch sehr zäh.“

„Woraus leiten Sie das ab?“, fragte der Assistent und der Ältere ärgerte sich wieder über diesen schnodderigen Ton.

Mit einer belehrenden Stimme sagte der Oberarzt: "Hast du seinen linken Oberarm gesehen?"

"Was soll damit sein?"

"Dir ist also nichts aufgefallen. Na gut, vielleicht bist du noch zu jung dafür."

"Was ist mit dem Arm?"

"Ich zeige es dir."

Der Ältere griff den Arm des Patienten und hob ihn leicht an. Augenblicklich schlug eine der Kurven am Monitor leicht nach oben.

"Siehst du die Narbe innen am Arm?"

"Scheint ziemlich alt zu sein, nehme ich an."

"Fällt dir an der Narbe nichts auf?"

"Seltsam, jetzt wo Sie es sagen. Der Verlauf ist wirklich seltsam."

„Das ist eine Schussverletzung, vermutlich noch aus dem Krieg“, sagte der Chefarzt und es machte ihm jetzt Spaß, dass sein Assistent anscheinend keine Ahnung hatte.

"Wie alt ist der Patient?", murmelte der Assistent und blätterte durch eine Patientenakte, die er von einem Computer-Tisch genommen hatte, wo sie neben einem Stapel aus PC-Ausdrucken lag. "Ach ja, hier.“ Er schien jetzt kurz zu rechnen. „Bei Kriegsende war der Mann 15 Jahre alt. Gerade sechs Tage lang, noch nicht mal eine Woche."

„Genau“, sagte der Oberarzt. „Also eine merkwürdige Verletzung.“

„Was ist daran außergewöhnlich? Im Krieg gab es zehntausende von Schusswunden.“

„Aber dieser Mann, oder dieser Junge hat sich vielleicht selbst angeschossen."

Der Assistenzarzt sagte: „Wieso sollte er das tun?"

"Weil er etwas verbergen musste.“

„Und was, bitte?“

„Vielleicht eine Tätowierung."

"Eine Tätowierung?", fragte der junge Arzt.

"Nur ein Buchstabe, um genau zu sein. Die Blutgruppe. Der Buchstabe wurde auf der Innenseite des linken Oberarms, genauer auf dem Beugemuskel eintätowiert."

Der alte Arzt klang jetzt wie ein Dozent im Hörsaal. Er machte eine kurze Pause. "Die Tätowierungen waren 7 bis 10 mm hoch und bestanden nur aus dem Zeichen der Blutgruppe, also A, B, 0 oder AB. Nach einer Verwundung ließ sich damit sehr schnell das geeignete Spenderblut zuführen.“

Der Assistent blickte erneut in die Patientenakte. „Also muss dort A+ gestanden haben.“

Der Oberarzt sagte: „Der Rhesusfaktor war nicht angegeben, da die Forschung darüber noch in den Anfängen steckte."

Der Assistent ignorierte die Belehrung. Er sagte: „Hatte jeder Junge diese Tätowierung?“

„Nur ausgewählte militärische Einheiten trugen sie. Als Kennzeichen einer Elite, darauf wurde streng geachtet."

"Unser Patient kann aber kein Soldat gewesen sein", sagte der junge Arzt. „Mit seinen 14 oder 15 Jahren reichte es doch höchstens zum Hitlerjungen oder Flakhelfer.“

„Im Krieg war alles möglich“, sagte der Alte.

"Aber wieso wollte er seine Blutgruppe unkenntlich machen?“

„Um einer Bestrafung zu entgehen, gaben sich Angehörige der Elite-Einheiten nach dem Krieg häufig als reguläre Soldaten aus“, sagte der alte Arzt.

„Deshalb haben sie die Blutgruppen-Tätowierung entfernt“, sagte der Assistenzarzt. „Ich verstehe.“

Und wieder einer dieser Besserwisser, dachte der Oberarzt, der nur seinen Zivildienst geleistet hatte, statt zur Bundeswehr zu gehen. Dann sagte er: „Entweder hat dieser Mann selbst geschossen, oder er hat einen Kameraden darum gebeten. Andere nahmen ein Messer oder ließen einen Arzt die Tätowierung entfernen. Das Ergebnis konnte über Leben und Tod entscheiden.“

Er trat einen Schritt vom Krankenbett zurück und betrachtete den alten Mann. "Was dieser Junge erlebt hat, werden wir wohl nie erfahren."

„Nicht mehr lange“, hörte er den jungen Arzt jetzt sagen, „dann sind solche Verletzungen aus dem Krieg nur noch Geschichte.“

Wusste dieses Weichei wirklich alles besser, fragte sich der Oberarzt. Und er sagte: „Täusch‘ dich nicht. Diese Männer waren unglaublich hart und zäh. So hart, wie du nie sein wirst. Und ich bin ganz sicher, dass unser Patient diese Nacht noch überlebt. Darfst du mir glauben, Junge.“

 

 

IWolfgang Schoon